Mit Schwanensee widmete sich John Cranko 1963 dem Stoff, aus dem seit über hundert Jahren Ballettträume gewebt sind: Der Geschichte von der in einen weißen Schwan verzauberten Prinzessin Odette und ihrer diabolischen Gegenspielerin Odile, dem schwarzen Schwan, deren falschem Spiel der Held des Balletts, Prinz Siegfried, verfällt.
Spätestens seit dem Erfolg des Hollywood-Films „Black Swan" hat das Stück auch ein breiteres Publikum neugierig gemacht; und schon lange sind Ballettliebhaber weltweit dem Zauber von Tschaikowskys Musik, den magischen „weißen" Akten mit den grazilen Schwanen-Mädchen und der zeitlosen Thematik von Liebe, Treue und Verrat erlegen.
Zentral für den Erfolg des Balletts sind die weiblichen Hauptfiguren Odette und Odile, die auch in Crankos Version von einer einzigen Tänzerin dargestellt werden.Der schizophrene Aspekt der Rolle und die damit verbundenen Frauenbilder fesseln bis heute das Publikum ebenso wie die Darsteller; für eine Tänzerin ist die Odette/Odile eine der größten Herausforderungen im gesamten klassischen Repertoire.
John Crankos Inszenierung aus dem Jahr 1963 zeichnet sich durch eine Aufwertung der Rolle des Prinzen Siegfried aus: Cranko machte aus der oftmals recht eindimensional gestalteten Figur einen Prinzen aus Fleisch und Blut, einen mit Makeln behafteten Menschen, der seine Geliebte und sein Leben durch seine Fehlentscheidung verliert. Cranko erzählt in zutiefst menschlichen Zügen eine ebenso wunderschöne wie einfühlsame Version der Geschichte von Hoffnung und Verlangen, von Liebe, Täuschung und Verzweiflung, fernab von eindimensionalen Sagengestalten.